Äußere Anwendungen in der Anthroposophischen Pflege

 

Gesundheit erhalten und Therapie unterstützen – das s sind die Aufgaben einer individuellen Pflege. Dafür stehen mit den äußeren Anwendungen vielfältige Mittel zur Verfügung. Manche haben volksheilkundliche Wurzeln, andere wurden neu entwickelt. Durch die anthroposophische Medizin haben sie eine neue Aufwertung erhalten.

Erfahrungen aus 100 Jahren Umgang mit Wickeln, Auflagen, Rhythmischen Einreibungen und therapeutischen Bädern in der Anthroposophischen Medizin und Pflege sind ein wertvoller Schatz, den wir für unsere Patient*innen im Pflegeimpuls nicht ungehoben lassen wollen.

Äußere Anwendungen sind Vermittler von Heilprozessen über die Haut.

Dazu gehören: pflegetherapeutische Waschungen, pflegetherapeutische Wickel und Auflagen, Bäder und die Rhythmischen Einreibungen.

Therapeutische Waschung

Waschen und reinigen heißt nicht nur Schmutz beseitigen. Waschungen bewirken für die Patient*innen eine Erfrischung und Entlastung. Denken Sie zum Beispiel an das Fußbad in einem Gebirgsbach nach einer längeren Wanderung: Wie wohlig zieht die Entlastung durch den Körper und lässt den Wanderer aufschauen, um den blauen Himmel, die unterschiedlich grünen und farbig erblühenden Gebirgskräuter sowie die eindrucksvollen Felsen wahrzunehmen.

Eine Patient*in schläft den ganzen Tag, unterbrochen von Schmerzen und Unwohlsein. Am Abend kommt die Pflegekraft zur Körperpflege.  Ach, die Patient*in schläft doch gerade so schön, kann man sie/ihn nicht so lassen? Nein, durch die Erfrischung vor der Nacht, einen gespülten Mund, entlastende Abstriche am Rücken, reinigende Intimpflege, ein warmes Fußbad spürt die Patient*in sich richtig, wird noch einmal wach, um dann für eine erquickliche Nachruhe loslassen zu können.

Bei einer Waschung wirken drei Komponenten zusammen: Berührung, Wasser und Substanz

Berührung

Waschungen werden ruhig und zügig durchgeführt. Die Patient*in darf sich dadurch nicht belastet fühlen und es darf ihr / ihm dabei nicht kühl werden. Wohltuend ist es, wenn Griffqualität und Strichführung dem Krankheitszustand angepasst werden. Am besten gelingt das mit einem Frotté-Waschhandschuh.
Grundsätzlich: Je leichter gearbeitet wird, umso besser kann eine gesamte Durchwärmung, Durchblutung und Belebung des Gewebes stattfinden.

Wasser und Temperatur

belebend, verbindend, umfassend, rund, leicht-machend, erfrischend, aber auch: Wärme oder Kühle vermittelnd

Zusätze (Substanz)

Reinigungssubtanzen:
Seifen: zerstören den Säureschutzmantel der Haut und müssen gut abgewaschen werden. Sie sind hilfreich bei wirklicher Verschmutzung und sollten nur dort eingesetzt werden.

Reinigungsmilch, biologische Waschzusätze sind i.d.R. hautverträglich, der pH-Wert der Haut wird nicht irritiert. Für gute Qualität der Pflegeprodukte birgt das BDIH-Prüfungszeichen „kontrollierte Naturkosmetik“.

Öl birgt ein Wärmepotential; auf der Haut bildet sich ein weicher, pflegender, schützender Film. So ist im Anschluss an die Waschung keine separate Hautpflege mehr nötig.
In Sahne oder Milch emulgiertes Öl bietet sich an, wenn nicht Reinigung, sondern Hautpflege und spezifische Heilwirkung beabsichtigt sind.

Tees und Pflanzenauszüge können eingesetzt werden z.B. Zitronenwasser, Stiefmütterchentee bei Fieber oder Stauungen, Pfefferminztee bei Fieber, Schachtelhalm oder Eichenrinde bei juckender Haut.

Klingende Waschung

Gesicht, Hände und Füße gehören zu den individuellsten Körperpartien und spielen daher gerade für die Waschung in der Pflege eine wichtige Rolle.
Bei der Klingenden Waschung werden nur diese Körperteile mit Handbad, Fußbad und ruhiger Gesichtswaschung behandelt. Dabei plätschert immer wieder das Wasser in die Schüssel, wird mit dem Waschhandschuh über Unterarm und Wade geträufelt. Das belebende Element des Wassers vermittelt sich so auch über das Geräusch und die fließende Empfindung.
Diese Waschung bietet sich besonders bei schwerer Erschöpfung, schlechtem Allgemeinzustand und in der Sterbebegleitung an.

Wickel und Auflagen

Pflegetherapeutische Wickel und Auflagen wenden wir an zur Linderung von Unwohlsein, z.B. Schmerzen, Unruhe, Atemwegserkrankungen, Angst, andauerndes Kälteempfinden.
Sie erfolgen mit Substanzen aus dem Naturreich (z. B. Schafgarbentee, Eucalyptusöl, Senfmehl) und regen über verschiedene Wärmequalitäten die Organfunktionen des Organismus an. Wärme aber ist Voraussetzung für die Zirkulations- und Heilprozesse, die wir mit einer Äußeren Anwendung in die Wege leiten wollen.
So gibt es

• feuchtheiße Wickel (Kamilleleibkompresse)
• Salbenauflagen (Gold-Rose-Lavendel-Herzauflage)
• Ölauflagen (Lavendelbrustauflage)
• Breiumschläge (Leinsamenkataplasmen)
• Wickel mit trockener Wärme, (Kräutersäckchen)
• Wickel mit feurigen Substanzen (Senfbrustwickel, Ingwernierenwickel).

An eine äußere Anwendung schließt sich immer eine Nachruhe an.

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„Dauer und Wirkung: in der Regel soll ein Wickel eine halbe Stunde dauern, dann wird alles Material entfernt, die Stelle abgedeckt, und es folgt die Nachruhe mit einer halben Stunde. Diese ist unbedingt einzuhalten. „Die Zeit der direkten Einwirkung dient zur Chaotisierung, zur Lösung kranker Verhältnisse. In der Nachruhe eignet sich der Organismus in einer schöpferischen Phase die Wirkung des Wickels an, und baut neue Ordnung auf. Ein neues Ineinandergreifen der Körperprozesse kann sich einstellen.“ (1)
Das Geheimnis der Wirkung einer Wickelanwendung ist: an einer Stelle des Körpers wird etwas gemacht und es reagiert der ganze Organismus. Das, was an Heilmitteln auf die Haut aufgebracht wird, wird durch das Strömen in die Tiefe des Leibes-Inneren mitgenommen und entfaltet seine Wirkung im Ganzen.“ (2)

Material:
Für die Wickelanwendungen verwenden wir ausschließlich Naturfaserstoffe, also baumwoll-, Woll-, und Seidenfasern, manchmal auch Leintücher. In der häuslichen Pflege schauen wir mit den Patient*innen gemeinsam, was für Tücher aus dem Haushalt sich eignen. Außerdem haben wir Wickelsets im Angebot, in denen liebevoll die wichtigsten Tucharten in guter Qualität zusammengestellt sind.

Zitat:
(1) Kusserow, M., Weleda Korrespondenzblätter für Ärzte, Nr.133, 1992
(2) Vademecum – Äußere Anwendungen in der Anthroposophischen Pflege, Verband für Anthroposophische Pflege (VfAP)

Rhythmische Einreibungen nach Wegman Hauschka

Ein Merkmal professioneller Pflege ist die Unterstützung der Heilungsprozesse des Menschen auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene. Dies findet einen speziellen Ausdruck in den Rhythmischen Einreibungen nach Wegman / Hauschka – einer bewusst gestalteten Berührung.

Sie dienen dem Auftragen von pflegenden und heilenden Substanzen auf die Haut. Zugrunde liegen Formen, die der menschlichen Gestalt abgelesen sind.

Die Art und Weise der Durchführung beruht auf den Gesetzmäßigkeiten des Rhythmus:

 

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Die Rhythmische Einreibung zeichnet sich durch eine äußerst behutsame Berührungsintensität aus, bei der die Hand der / des Einreibenden in rhythmischen, kreisenden oder streichenden Bewegungen die behandelten Körperteile berührt. Dabei verbindet sie sich zunächst eintauchend, geht über in ein ruhiges Fließen und löst sich mit saugendem Charakter. In der Stille der Lösung wird Kraft geschöpft für ein erneutes Eintauchen. Die vier Phasen: Verdichten – Umkehr – Lösen – Umkehr gehen rhythmisch ineinander über.
Behandelt werden können Arme, Beine, Waden, Füße, Rücken, Bauch, Brust, Nacken – sowohl einzeln als auch in Kombination und als Ganzkörper-Einreibung.

Die Rhythmischen Einreibungen wurden von den Ärztinnen Ita Wegman und Margarethe Hauschka in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der Rhythmischen Massage entwickelt und seither in der Nachfolge durch Pflegende und Masseure für den Alltag modifiziert und konkretisiert.
Wirkung
Die Rhythmischen Einreibungen zeichnen sich durch verschiedene Grundqualitäten aus: Leichte, bewusstes Wahrnehmen, Ruhe, Wärme, runde Bewegungen und Rhythmus. Sie wirken in erster Linie ausgleichend, z. B. anregend oder beruhigend, belebend oder entspannend. Sie können im Rahmen der Körperpflege, bei der Durchführung der Prophylaxen und zur pflege-therapeutischen Behandlung bei unterschiedlichen Beschwerden und Befindlichkeitsstörungen angewendet werden, um z. B.:

• Durchblutung zu fördern,
• Atmung zu vertiefen,
• die eigene Wärmeregulierung anzuregen,
• Verdauung zu fördern bzw. zu beruhigen,
• Krämpfe zu lösen,
• Ängste zu beruhigen,
• Schmerzen zu lindern,
• den Schlaf zu unterstützen,
• Vertrauen zu bilden,
• das innere Gleichgewicht und die eigene Aufrechte zu stärken.

In pflegewissenschaftlichen Untersuchungen wurden drei wesentliche Wirkungsrichtungen gefunden: Sich Lösen – Wiedereinssein – Neuvermögen. Diese drei Prozesse vollziehen sich durch die Rhythmischen Einreibungen auf der körperlichen, seelischen und geistigen Ebene.
SICH LÖSEN – hier denken wir an: sich lösen von alten Vorstellungen, von Schmerz, von seelischen Verletzungen, Verkrampfungen, von Schmutz, von Ablagerungen im Körper.

WIEDEREINSSEIN – durch den Löseprozeß wurde Raum geschaffen. Dieser Freiraum kann neu von der Persönlichkeit ergriffen und gestaltet werden.

NEUVERMÖGEN – der / die Behandelte ist ein Stück mehr er / sie selbst geworden und kann zu neuen Ufern aufbrechen.

Auch bei schweren Erkrankungen wie Wachkoma, bei Demenz, Folgen des Schlaganfalls oder einer Hirnblutung können die Rhythmischen Einreibungen helfen, die eigene Leiblichkeit wieder wahrzunehmen und neu zu ergreifen.

Bäder – Öldispersionsbäder (Jungebad®)

Das Öldispersionsbad ist eine Anwendung, die über die Aktivierung der Eigenwärme des Menschen sowohl das Immunsystem stimuliert, als auch auf die Wahrnehmungsfähigkeit und Schutzfunktion der Haut sowie die innere Widerstandskraft stärkend wirkt.

Es handelt sich um ein Heilbad mit hochwertigen ätherischen Ölen. Durch einen gläsernen Dispersionsapparat werden Öle ohne Emulgator homogen im Wasser verwirbelt. Bei der Öldispersion entsteht Leichte. Der Körper kommt z. B. eher ins Schweben, als in einem einfachen Bad.

Das Öl schmiegt sich wie eine Hülle um den Körper und wird über die Haut ins Blut aufgenommen.

Es wurde festgestellt, dass nach einem 20-minütigen Bad sowohl die fetten als auch die ätherischen Öle in einer therapeutisch wirksamen Konzentration im Blut nachweisbar sind. Diese werden nach einer gewissen Zeit wieder abgebaut; d. h.: sie machen den umgekehrt verlaufenden Prozess wie die Pflanze bei der Ölbildung durch.: Im Blut werden die freigesetzten Sonnenkräfte in Wärme verwandelt.

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Durch die feine Zerstäubung mindert sich auch der hydrostatische Druck im Wasser, was ein Öldispersionsbad u. U. auch für Menschen mit Herzschwäche verträglich macht.

Eine Unterwasser-Bürstenmassage mit harten Naturbürsten regt die Durchblutung und Ölaufnahme an und lässt zugleich die Körpergrenzen spüren. Die Bürstenmassage ist eine häufig durchgeführte zusätzliche Anwendung im Öldispersionsbad.
Die Badetemperatur wird mit der aktuellen Körpertemperatur des zu Badenden abgestimmt. Sie sollte leicht unter dieser liegen oder gleich sein. Ziel ist die Anregung der eigenen Wärmebildung durch das Öl, nicht durch die Wärme des Wassers.
Dies geschieht während einer mindestens 30 minütigen Nachruhe in einer Packung aus Badetüchern und Decken.

Anwendungsmöglichkeiten
Das Öldispersionsbad ist bei Störungen der Wärmeregulation angezeigt. Diese drücken sich aus u. a. in: niedriger Basaltemperatur (<36,5°C), einer fehlenden Temperatur¬kurve im Tagesverlauf, kalten Händen und Füßen und schnellem Frieren. Bei vielen degenerativen und entzündlichen Erkrankungen, zur Immunabwehr sowie im psychiatrischen Bereich ist daher mit Hilfe des Öldispersionsbades eine Linderung der Beschwerden zu erreichen.

Krankheitsbilder

  • Stoffwechselerkrankungen
  • Hauterkrankungen
  • Karzinome
  • Herz-Kreislauferkrankungen
  • Schlafstörungen
  • Erschöpfungs- und Schmerzzustände
  • unklare psychosomatische Krankheitsbilder

Zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten konkret bei Kindern

  • Entwicklungsstörungen
  • Angststörungen
  • Soziale Störungen

Zusätzliche Anwendungsmöglichkeiten konkret bei älteren Menschen

  • Frieren / erhöhtes Wärmebedürfnis
  • Periphere Durchblutungsstörungen: Kalte Hände und Füße, Wundheilungsstörungen
  • Gelenkschmerz: Rheuma, Arthrose, chronische Arthritis
  • Diabetis mellitus
  • Krebserkrankungen
  • Trockene Haut
  • Verwirrtheit
  • Gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Schnelle Erschöpfbarkeit

Bei Ulcus cruris am Unterschenkel sind auch hohe Fußbäder mit Calendula- oder Rosmarinöl möglich.